Obwohl neue Leute in der Wohnung leben, stehen die alten Namen noch am Briefkasten. Endrit und Bleron.  Vor Kurzem saß ich in dieser Wohnung mit Naza, der Mama von beiden Jungs. Sie goss mir eine Limo nach der anderen ein, reichte mir und einer Freundin einen Keks nach dem anderen, lud noch ein Stück Kuchen auf den Teller und kaum war der halb leer, folgte die selbstgebackene Pizza. Ramadan war gerade vorbei.
Naza sprach nur fünf Worte Deutsch. Aber jedes Mal, wenn wir uns sahen, küssten wir uns und redeten über Familie, abgeschobene Freunde, die zurück in der Heimat Albanien waren und mitten in der Nacht von der Polizei abgeholt worden waren. Wir redeten über Kosmetik und Geschwister, über Verstorbene und Sport. Wir sprachen jeder in seiner Sprache, fanden die Worte, die wir beide verstanden, sprachen mit Händen und Gesten, mit Augen und Lachen.
Naza verbrachte die meiste Zeit in ihrer kleinen Wohnung, sorgte für ihre beiden Jungs und fragte sich oft, wo Süleyman, ihr Ehemann, wohl war und mit wie viel Alkohol er der aussichtlosen Zukunft entgegen trank.
Skateboard Jumpers - StadtallendorfNaza verbrachte viel Zeit bei uns im Familienzentrum um die Ecke, wo ihre beiden Jungs Skateboard fahren lernten. Wo Bleron Wasserraketen und Holzhütten baute. Wo er lernte, wie man mit Bohrmaschine und Säge umgeht. Wo ihre Jungs aufblühten und Deutsch lernten und nach der Schule ihre Zeit verbrachten. Wenn Naza zu uns kam und all die anderen Mütter das Gebäude verließen und hinter ihnen Müll und Chaos zurückblieb dann, nahm Naza mir den Staubsauger aus der Hand und putzte die Bude mit mir bis zum Schluss. Sie brachte uns frisch gebackenes Brot, während wir am Arbeiten waren, schaute ihren Jungs beim Spielen zu und ging wieder nach Hause.
„Wo ist Bleron?“, fragte ich vor Kurzem einen Jungen, der neben Naza und ihrer Familie wohnte. „Bleron ist weg.“ „Was meinst du mit ‚Bleron ist weg‘?“ „Sie wurden abgeholt“, antwortete mir der Nachbarsjunge.
Naza, Süleyman, Endrit und Bleron sind weg – zurück in Albanien. Was bleibt, sind zwei Namen an einem Briefkasten.
Die Geschichte von Naza und ihrer Familie ist nur ein Ausschnitt dessen, was uns in unserer Arbeit bewegt. Die Abschiebung von ihnen hat uns in der letzten Zeit tief bewegt und uns neu fragen lassen, welche Auswirkungen unser Einsatz in dieser Stadt hat. Trotz solcher Tiefschläge sind wir überzeugt, dass Gott auch im Leben von Naza, Endrit, Bleron und Süleyman durch uns gewirkt und bleibende Spuren hinterlassen hat. Wir beten für die vier und freuen uns, wenn ihr mitbetet.
        
Gott mit euch.
Liebe Grüße aus Stadtallendorf!
                (MR)
 

About the author