„Kommst du heute wieder zu uns?“ fragt mich eine Drittklässlerin als ich auf dem Weg in ihre Klasse bin. Ehe ich antworten kann hat das schon ein anderes Kind für mich getan: „Ja, Frau Flämig ist doch jeden Donnerstag bei uns.“ Tatsächlich, immer Donnerstag bin ich im Regelunterricht der dritten Klasse und kann im ganz normalen Unterrichtsgeschehen drei Kinder unterstützen, die erst seit ein paar Monaten in Deutschland sind. Es sind fröhliche und offene Kinder, die sich relativ gut auf Deutsch verständigen können, Freunde in der Klasse haben oder auch mal in eine Auseinandersetzung mit ihrem Banknachbar geraten. Doch da ist auch die Schwierigkeit, komplexe Aufgabenstellungen zu verstehen, Fragen manchmal nicht gut ausdrücken zu können und nicht verstanden zu werden, eigenständig Texte in einer Sprache und Grammatik zu schreiben, die man erst seit kurzem spricht und das Sprachgefühl fehlt. Da die Lehrerin in der Rolle ist noch weiteren 20 Kindern mit Anliegen und Bedürfnissen gerecht zu werden, ist es gut, dass ich für diese Zeit konkret für die drei Kids da sein kann. Und das genießen sie offensichtlich.

Als ich eine Woche später wieder in den Unterricht komme, erfahre ich, dass das somalische Mädchen nicht mehr an der Schule ist. Die Familie musste innerhalb von Kassel umziehen und somit stand für sie und ihren Bruder auch der Wechsel der Schule an, und das sehr plötzlich. Natürlich ist es schade, dass man sich nicht verabschieden konnte. Doch viel mehr tut es mir leid, dass diese Kinder, die bereits so viele Brüche erlebt haben, nun wieder aus ihrem Umfeld mit vertrauten Lehrern und Mitschülern gerissen wurden. Wieder müssen sie an einem neuen Ort ankommen, wieder sind sie die Neuen in einer Klasse, und wieder müssen sie sich in einem neuen System zurechtfinden und sich mit neuen Menschen vertraut machen.

Ein paar Tage später bin ich an der zweiten Grundschule in einem anderen Kasseler Stadtteil, an der ich ebenfalls mit den Schwerpunkten Integration und Unterstützung geflüchteter Kinder tätig bin. Im Lehrerzimmer erfahre ich, dass ein neues Mädchen mit Flüchtlingsgeschichte in der dritten Klasse ist. Solche Informationen überraschen nicht, denn es ist nach wie vor der Fall, dass Kinder mit Flüchtlingshintergrund als sogenannte Seiteneinsteiger neu in die Klassen kommen. Doch als ich zu dieser Klasse gehe, sitzt tatsächlich das somalische Mädchen dort und strahlt. Die Wiedersehensfreude ist beidseitig, wobei ich freudig überrascht bin und sie recht gefasst meint: „Ich wusste, dass du hier bist. Ich habe dich auf einem Foto gesehen.“ Auch wenn es anfangs schwierig war hat sie sich inzwischen gut in der neuen Klasse eingelebt. Auch wenn die Schule und die Klassenkameraden neu sind, sehen wir uns weiterhin einmal in der Woche.

Sarah Flämig – Projektleiterin MENSCH Integration

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