Seit ein paar Wochen nehme ich Arabisch Unterricht. Nachdem mir in den letzten Jahren einzelne Redewendungen beigebracht wurden, setze ich mich nun etwas systematischer mit der Sprache auseinander. Ich lerne Verben zu konjugieren, in welcher Reihenfolge man einen Satz bildet und wie ich zwischen Dativ und Akkusativ unterscheiden kann. „Das ist total einfach“, motiviert uns die Dozentin. Ich beschließe, diesen Satz niemals gegenüber meinen Kids im DaZ-Unterricht zu verwenden. Was für einen Muttersprachler leicht und logisch ist, fordert von mir sehr viel Denkarbeit und Konzentration. Nun haben wir auch begonnen, die arabischen Schriftzeichen zu lernen und Worte zu schreiben. Es ist herausfordernd, doch auf einmal erschließen sich manche Zusammenhänge und Regelungen. In den 120 Minuten wechseln meine Gefühle von Erfolgserlebnissen zu völliger Frustration und dann doch wieder zu motivierenden Aha-Momenten. Nach zwei Stunden ist meine Aufnahmefähigkeit am Ende.

Es ist ein hilfreicher Rollentausch zu meiner Alltagssituation, wo ich in der Lehr- und Begleitrolle gegenüber Schülern bin, die das gleiche, nur in umgekehrter Version, erleben. Erfolgserlebnisse in der deutschen Sprache, Frustration darüber sich nicht richtig ausdrücken zu können, Unverständnis darüber, wie die Sprache funktioniert, volle Konzentration bei einem einfachen Satz. Wahrscheinlich gehören alle Phasen dazu, wenn man eine neue Sprache erlernt. Aber ich kann Umstände schaffen, dass die Erfolgserlebnisse überwiegen. Und ich bin nachsichtiger geworden, wenn Kinder sich auch im Unterricht in ihrer Muttersprache unterhalten. Der Rollentausch hilft mir auch zu verstehen, was dazugehört, das deutsche Schriftbild zu erlernen und aus den Buchstaben Worte zu Formen. So gibt es in der arabischen Sprache Buchstaben mit Lauten, die für mich nach viel mehr Buchstaben klingen. Ich bekomme ein Gefühl dafür, warum Kinder im Deutschen Buchstaben unterschlagen, weil es sich für sie eben nach weniger Buchstaben anhört.

Dazu passt der Spruch: „Urteile nicht über den anderen, bevor du nicht eine Meile in seinen Mokassins gelaufen bist“. Wir sollten viel öfter probieren, uns in die Rolle der anderen hineinzuversetzen und ihre Perspektive nachzuempfinden. Das macht uns einsichtiger und nachsichtiger. Sicherlich habe ich mit meinen Arabischbrocken erst die ersten 10 Meter der Gesamtmeile zurückgelegt. Für die bereits gewonnene Einsicht bin ich jedenfalls sehr dankbar.

SF

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