MENSCH-Integration: In einem Elterngespräch mit einer afghanischen Mutter frage ich, wie es den Kindern an der Schule geht und was sie Zuhause von der Schule erzählen. Ohne lange zu überlegen, entgegnet die Mutter: „Sie gehen sehr gern in die Schule. Sie sind immer traurig, wenn am Wochenende oder in den Ferien keine Schule ist.“

Die allgemeine Schulpflicht ermöglicht den Kindern, sehr schnell und unabhängig ihres Aufenthaltsstatus eine Schule zu besuchen und am Schulalltag teilzunehmen. Dass Schule für die Kinder mit Flucht- und Migrationshintergrund so viel mehr als nur Wissensvermittlung ist, zeigt der Alltag meiner Arbeit und ist nicht zuletzt durch Literatur und Studien belegt*.

Schule als soziales Netzwerk

Ein Erstklässler, der mit seiner Familie von Afghanistan nach Deutschland kam, erklärte mir sein einfaches Prinzip, wie er Deutsch gelernt hat: „Ich bin zu den Kindern aus der Schule hingegangen, hab gefragt, ob ich mit Fußball spielen darf, und so habe ich Deutsch gelernt.“

Die Schule ist der Ort, an dem Kinder einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Es ist in der Regel das erste Bindeglied zur Deutschen Gesellschaft und zu Freunden mit anderer Herkunft und Sprache. Hier entstehen Freundschaften, die in den Stadtteilen auch über den Schulalltag hinausgehen. Freundschaften zwischen Kindern aus unterschiedlichen Kulturkreisen können eine Mittlerfunktion zwischen den Kulturen einnehmen und das Einfinden in der neuen Umgebung erleichtern. Nicht zuletzt sind aber auch Freunde der gleichen ethnischen Herkunft von Bedeutung, da somit das Eingewöhnen im fremden System erleichtert und ein Raum geschaffen werden kann, in dem die Herkunftskultur ein Stück weiter erlebt werden kann. Wie gut, wenn sich die arabisch sprechenden Jungs aus der zweiten und dritten Klasse auf dem Schulhof treffen und sich erstmal in ihrer Muttersprache austauschen können – um danach mit den anderen Tischfußball zu spielen.

Schule als sicherer Ort

Neben den Mitschülern nehmen Lehrer die wichtige Rolle ein, Bezugspersonen neben der Familie zu sein. In einer Befragung, die ich mit neu zugewanderten Kindern beider Schulen durchgeführt habe, wurde u.a. deutlich, dass vor allem Klassenlehrer/innen und Lehrer/innen, die Deutsch als Zweitsprache (DaZ) in einem kleinen Klassenverband mit Schwerpunkt Sprachförderung unterrichten, Bezugspersonen für die Kinder sind. Diese Personen sind wichtig, damit Schule ein Raum von Zuwendung, Geborgenheit und Vertrauen werden kann – etwas, worauf ein Teil der Kinder auf Grund der Umstände für eine gewisse Zeit verzichten musste.

Schule als Kontinuität

Sicherheit bieten außerdem die feste Tagesstruktur des Schulalltags sowie feste Rituale und Abläufe in der Klasse. Dadurch wird Schule als enorm wichtiger Stabilisationsfaktor angesehen, der Kindern, die einige Brüche durchlebt haben, Kontinuität, Struktur und Normalität bietet. Studien zu Folge hat das wiederum einen großen Einfluss auf die Resilienz der Kinder, d.h. auf die Widerstandsfähigkeit mit herausfordernden Situationen umgehen zu können.

Vor einem verlängerten Wochenende mache ich einem syrischen Junge nochmal deutlich, dass es auch Donnerstag und Freitag keine Schule hat, worauf es nur mit einem „Oh nein, Ferien sind so langweilig!“ reagiert.

Schule als Zugehörigkeitsort

Für diesen Jungen ist die Schule ein wichtiger Bestandteil geworden und er scheint sich über die Schule zu identifizieren. Schule ermöglicht den geflüchteten Kindern, Teil von etwas zu sein, sich darin wohl zu fühlen und sich letztendlich dadurch gut einleben zu können. Ein solches Gefühl des Dazugehörens trägt laut Studien nicht zuletzt zu schulischem Erfolg und Selbstvertrauen bei.

Schule als Wertevermittlung

Schule ist außerdem ein Setting, in dem Kinder Normen und Werte, Sicht- und Reaktionsweisen, Regeln und Rituale vermittelt bekommen. Einige dieser Werte decken sich, andere unterscheiden sich zur Herkunftskultur und können in diesem Rahmen spielerisch erlernt werden. Ein Schüler erzählte mir, dass in seinem Herkunftsland in der Schule großen Wert auf saubere Fingernägel gelegt wurde und es bei Verstoß auch Bestrafung gab. Das spielt im deutschen Schulsystem nun wirklich keine Rolle. Dagegen werden Morgenkreise oder Erzählkreise genutzt, dass Kinder herangeführt werden, Erlebtes zu erzählen, Gefühle und Meinungen auszudrücken oder verschiedene Standpunkte zu diskutieren. Das wiederum ist z.B. im syrischen Schulsystem unbekannt.

Schule als Wissensvermittlung

Nicht zuletzt ist Schule auch ein Ort der Wissensaneignung und Qualifikation. Damit verbunden ist Schule für Neuangekommene der Schlüssel für eine gute Zukunftsperspektive in dem neuen Land. Vor allem geflüchtete Kinder in der Grundschule haben den Vorteil gegenüber älteren Schülern, dass sie die Grundlagen nahezu gleichzeitig mit den Klassenkameraden erlernen. Gleichzeitig kann die Herausforderung der Sprache Grund dafür sein, dass der kognitive Leistungs- und Entwicklungsstand eines Kindes vorerst nicht sichtbar ist.

Sowohl beim Erlernen der Lerninhalte als auch bei den vorangegangenen Punkten gilt zu beachten, dass geflüchtete Kinder eine extrem heterogene Gruppe sind. Unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen, verschiedene Erlebnisse und individueller Umgang mit den Erfahrungen, Aufenthaltsstatus und die damit verbundenen familiären Situationen spielen für die schulische Entwicklung und Lernbereitschaft eine große Rolle.

Nun stehen die Sommerferien vor der Tür. Für manche wird das eine lange Zeit, in der Tagesstruktur, die Freunde, die man ganz automaisch trifft, die vertrauten Lehrer oder der Grund zum Deutsch sprechen, fehlen. Gut zu wissen, dass es in den jeweiligen Stadtteilen Angebote über die Schule hinaus gibt und den Kids Möglichkeit zur Freizeitgestaltung geboten wird. Zwar werden die zwei afghanischen Brüder die Schule vermissen. Ich persönlich freue mich umso mehr auf ein Wiedersehen nach den Sommerferien.

*Die Literarische Grundlage des Themas liefert das Buch „Pädagogische Arbeit mit Migranten- und Flüchtlingskindern“ von Hubertus Adam und Sarah Inal (2013).

    SF

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