Bald stehen die Halbjahresferien in den Schulen an und mit ihnen kann ich mein erstes halbes Jahr meiner Tätigkeit mit geflüchteten Kindern an Grundschulen feiern.
Was tue ich dort eigentlich und was ist in den letzten Monaten passiert?
In enger Zusammenarbeit mit den Lehrern bin ich an zwei Brennpunkt-Grundschulen in Kassel vor Ort tätig zur Unterstützung und Integration von Kindern, die mit ihren Eltern als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.

Momentan kommt etwa alle drei bis vier Wochen ein neues Kind als sogenannter „Seiteneinsteiger“ in eine Klasse. Damit das Eingewöhnen in der neuen Schule, in der neuen Klasse und trotz mancher Sprachbarrieren gut gelingen kann, begleite ich die Kinder im ganz normalen Unterricht und kann eine differenzierte Förderung möglich machen. Zum Teil findet dies innerhalb des Klassenverbandes statt, so zum Beispiel in der 3a. Die Lehrerin kann für Mahmoud* und Zeynab* für sie angepasste Aufgaben vorbereiten, denn sie weiß, dass ich im Unterricht dabei bin und den beiden die Aufgaben kleinschrittig erklären kann und wir dabei, fast nebenbei, Zahlenworte üben können. In der 2a dagegen kann ich eine Gruppe von vier Schülern extern des Klassenverbandes bei den Mathe- und Deutschaufgaben unterstützen. Lehrer melden dann oft zurück, dass die Kinder nach so einer Förderung in der kleinen Gruppe viel entspannter und fröhlicher wirken. Diese enge Begleitung ermöglicht es außerdem, vertrauensvolle Beziehungen zu bauen, Entwicklungsschritte zu verzeichnen – nicht nur von schulicher Leistung, sondern auch sprachlich, emotional oder sozial – und auf Bedürfnisse oder Probleme, die die Kinder beschäftigen, einzugehen.
Andere Kinder wiederum brauchen Hilfe beim Lesen und Leseverstehen. Denn wer setzt sich mit ihnen hin und übt das Lesen der manchmal so fremden Buchstaben? Dies hat wiederum Auswirkung auf die anderen Fächer, denn wenn das Leseverstehen immer besser klappt, können auch Arbeitsaufträge der anderen Fächer verstanden werden.

Jede der Schulen bietet daher auch Deutsch-Intensivkurse für die Schüler und Schülerinnen an, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland sind und daher Grundlagen wie Wortschatz und Grammatik erlernen müssen. Da der Bedarf immer größer wird, unterrichte ich seit Anfang Januar selbst eine Gruppe von 6- und 7-jährigen. Spielerisch werden beispielsweise Wörter zum Thema Jahreszeiten und Wetter gelernt.
Da beide Schulen Ganztagsschulen sind, bin ich auch dort präsent und kann die Kinder im freien Spiel erleben. Dabei ist gerade bei den jüngeren Kindern zum Teil eine Begleitung vom Schulessen zu den Räumlichkeiten des Ganztages nötig. Sowohl am Nachmittag, als auch im Unterricht stehe ich ebenso allen anderen Kindern bei Fragen oder für Spiele zur Verfügung. Denn wenn Integration gelingen soll, sind immer zwei Seiten notwendig, sowohl diejenigen, die bemüht sind, sich in dem neuen System zurechtzufinden und wohlzufühlen, als auch diejenigen, die sie freundlich aufnehmen und Gemeinsamkeiten statt Unterschiede sehen. Daher soll ab dem nächsten Halbjahr eine AG angeboten werden, die genau diese Gleichwertigkeit bei Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit thematisiert. In der AG „Viele Länder, eine Welt“ beschäftigen wir uns einerseits mit uns selbst, wer wir sind, wo wir herkommen, was Familie ausmacht, aber auch mit anderen Ländern, anderen Kulturen und anderen Gewohnheiten. Denn da, wo das Fremde zu Vertrautem wird, kann es nicht mehr beängstigend sein. Neben der Sensibilisierung der Schüler für das Thema Flucht und Neuanfang in Deutschland, spielt diese Sensibilisierung auch innerhalb des Lehrerkollegiums eine Rolle. Zusammen mit ein paar Lehrern und der Unterstützung der Schulleitung organisieren wir einen Pädagogischen Tag für das Lehrerkollegium, der genau die Themen von Traumatisierung, Flucht und Interkulturalität aufgreift.
Darüber hinaus ist die Elternarbeit ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Dafür führe ich Willkommensgespräche mit den Eltern neuer Schüler. Auch hier wird deutlich, dass Wissensvermittlung und die Weitergabe von Informationen Unsicherheit abbaut und darüber hinaus sehr praktische Hilfe angeboten werden kann. Nach einem Elterngespräch konnten wir einen Jungen an eine Jungssportgruppe vermitteln, da er so gern Fußball spielen wollte, die Mutter aber nicht wusste, wo so etwas möglich ist oder wie eine Anmeldung getätigt werden muss. In einem anderen Gespräch konnten wichtige Dokumente bezüglich der Busbeförderung der Kinder oder der Mittagskosten übersetzt und erklärt werden. Nicht zuletzt sind Elterngespräche sehr wichtig, um Hintergrundinformationen der Familien zu erfahren, die eine angemessene Förderung und Einschätzung der Kinder ermöglichen. Diese direkte Elternarbeit mit Hilfe von Dolmetschern ist außerdem wichtig, um die Kinder zu entlasten, die schnell in eine Übersetzer- oder Vermittlerrolle zwischen Eltern und Schule geraten. Daher ist es mir und den Lehrern wichtig zu hinterfragen, wo die Familie eventuell Unterstützung braucht oder wo sie im Stadtteil vernetzt werden kann. Denn wenn wir die Kinder stärken wollen, brauchen wir starke Familien. Und gerade für geflüchtete Kinder, die Heimat und Gewohntes zurückgelassen haben und zum Teil extreme Situationen erlebt haben, ist der Schutzraum der Familie von großer Bedeutung und Wichtigkeit.

Die Lehrer geben wahrlich ihr Bestes, den geflüchteten Kindern im Schulalltag gerecht zu werden. Doch haben sie natürlich noch viele andere Kinder in der Klasse, die ähnlich oder auf andere Art und Weise ihre Zuwendung und Unterstützung brauchen. Es ist ein Segen, dass ich in meiner Rolle speziell für Kinder und Familien mit Flüchtlingsvergangenheit da sein und sie im Schulalltag und darüber hinaus unterstützen kann.
(SF)

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